Jenseits von Zombies: 4 verstörende Wahrheiten, die Alexander Strassers Romane über das Ende der Welt enthüllen

Einleitung: Vergessen Sie alles, was Sie über die Apokalypse zu wissen glaubten

Wenn wir an das Ende der Welt denken, malen uns Popkultur und Kino oft ein spektakuläres, lärmendes Bild: Feuerstürme, die Städte verschlingen, Zombiehorden, die über die Reste der Zivilisation herfallen, oder heroische Schlachten um das Schicksal der Menschheit. Das Ende ist ein Feuerwerk aus Zerstörung, laut, schnell und unmissverständlich. Doch was, wenn das Ende ganz anders aussieht? Was, wenn es nicht mit einem Knall kommt, sondern leise, seltsam und weitaus persönlicher?
Der fiktive Autor Alexander Strasser dekonstruiert in seinen Werken diese laute Ikonografie. Seine Apokalypsen sind keine Ereignisse, sondern Prozesse – ein langsames Fieber, das die Realität nicht einfach auslöscht, sondern sie grundlegend umschreibt. In seiner Sammlung Necronomadica heißt es treffend: „Der Tod dieser Welt ist leiser, seltsamer und weitaus persönlicher.“ Strassers Universen sind Orte, an denen die Gesetze der Physik und der Biologie verhandelbar werden und die größte Bedrohung nicht die Auslöschung ist, sondern eine unbegreifliche, post-humane Metamorphose.
Dieser Artikel taucht ein in die beunruhigenden Visionen von Strasser und enthüllt vier zentrale Thesen über seine Version der Apokalypse – Wahrheiten, die eine tiefere, existenziellere Angst erzeugen als jede Zombie-Invasion.
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Die 4 zentralen Thesen

1. Die Apokalypse ist kein Feuerwerk, sondern ein seltsames Fieber.
In Strassers Erzählungen wird die Welt nicht einfach zerstört, sie wird aktiv umgeschrieben, als wäre die Realität selbst von einem Virus befallen, der eine fundamentale ontologische Instabilität erzeugt. Das Ende ist kein Vakuum, sondern eine neue, bizarre Präsenz, die die Materie nach ihren eigenen, unlogischen Regeln formt. Diese Transformation folgt dabei keiner einheitlichen Logik, sondern entfaltet sich in thematisch gegensätzlichen Paradigmen.
So verwandelt sich in Die letzte Geometrie die Welt in eine kalte, computationale Architektur, in der Menschen zu „tragenden Elementen“ von Gebäuden erstarren und die neue Ordnung nach der „Optimierung der Struktur“ strebt. Im Gegensatz dazu offenbart sich in Sanctuary eine groteske, biologische Ordnung: Die sterbende Stadt, erfüllt von einem „elektrischen Tinnitus-Fiepen“, wird zu einem Organismus, der seine letzten Bewohner aktiv „verdaut“. In Necronomadica wird dieser Prozess der Umwandlung explizit formuliert, als eine Welt, die sich „in etwas Neues. Etwas Seltsames. Etwas vielleicht sogar Schönes“ verwandelt. Strassers Apokalypsen sind somit keine Zerstörungsakte, sondern Akte einer feindlichen Schöpfung, die die Grundfesten der Physik durch neue, unvereinbare Paradigmen ersetzt.
Wir atmen jetzt Code. Hört ihr das? Es ist in den Lungen. Es wächst. Wenn ihr das hört… geht nicht in den Untergrund. Die Tunnel… sie erinnern sich.

2. Der Mensch ist keine Konstante, sondern eine veränderliche Variable.
Die vielleicht größte Bedrohung in Strassers Welten ist nicht die physische Auslöschung, sondern die Auflösung dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die Grenzen zwischen Mensch, Objekt, Daten und Natur verschwimmen, bis das Überleben eine grundlegende post-humane Metamorphose der eigenen Identität erfordert.
Der Protagonist Arne aus Die letzte Geometrie erlebt dies am eigenen Leib: Sein Körper versteinert teilweise, und er muss lernen, seine neue, anorganische Form als Werkzeug und Waffe einzusetzen, indem er sogar Batterien isst, um seine Energie zu kanalisieren. In Necronomadica entsteht die Hypothese, dass die Seelen der „Verblassten“ in die Körper von Tieren geflohen sind und die Wälder nun „voller Flüchtlinge“ sind. Eine andere Figur aus demselben Buch existiert nur, solange sie von einer anderen Person wahrgenommen wird; ist sie allein, beginnt sie physisch zu verblassen. Die Menschlichkeit wird zu einer Eigenschaft, die paradoxerweise erst verleugnet werden muss, um sie in ihrem Kern bewahren zu können. Diese Neudefinition von Subjektivität zeigt, dass in Strassers Welten das größte Grauen nicht die Auslöschung ist, sondern die erzwungene Anpassung an eine Realität, in der der menschliche Körper nur noch eine weitere modifizierbare Hardware ist.
Ich musste meine Menschlichkeit verleugnen, um meine Menschlichkeit zu bewahren. Das war die paradoxe Logik des Überlebens.

3. Erinnerung ist kein Gedanke, sondern ein greifbarer Ort.
In unserer Welt sind Erinnerungen, Geschichten und Träume abstrakte Konzepte. In Strassers Universen werden sie zu physischen, aktiven Kräften, die die Umgebung formen und mit ihr interagieren können. Die Vergangenheit ist kein Gedanke, sondern ein Ort, eine Substanz, eine Waffe.
Das eindrücklichste Beispiel findet sich in Necronomadica: In einer Bibliothek haben die Geschichten ihre physischen Bücher verlassen und existieren nun als Frequenzen in der Luft, die von sensiblen „Resonatoren“ gefühlt werden können. An anderer Stelle werden die Echos von Träumen zu „Traumstaub“, einer greifbaren Substanz, die von „Sammlern“ gejagt und gehandelt wird. In Sanctuary wird diese Idee zur existenziellen Bedrohung: Eine Aufzeichnung aus einem U-Bahn-Waggon enthüllt die Vision einer Stadt, die ihre Bewohner und deren Erinnerungen buchstäblich verdaut. Indem Strasser das Innere – Erinnerungen und Träume – nach außen kehrt und zu einer formbaren, physischen Kraft macht, schafft er die Voraussetzung für die Umgestaltung von Realität und Mensch, die seine Werke definieren. Die Psyche wird somit zur Topografie, und das Schlachtfeld der Apokalypse verlagert sich vom Physischen in eine Sphäre, in der das eigene Bewusstsein zur Waffe und zur Ware wird.
Es ist keine Invasion. Es ist eine Verdauung. Die Stadt verdaut uns. Wir sind nur Bakterien in ihrem Darm.

4. Überleben ist keine Frage der Stärke, sondern der richtigen Frequenz.
Wer in diesen neuen Realitäten überleben will, kann sich nicht auf rohe Gewalt oder traditionelle Strategien verlassen. Stattdessen hängt das Überleben von der Fähigkeit ab, die neuen, bizarren Regeln der Welt zu verstehen und sich ihnen anzupassen – die richtige „Frequenz“ zu finden, um mit der veränderten Realität in Resonanz zu treten.
In Die letzte Geometrie besiegt der versteinerte Arne seine Feinde nicht durch pure Kraft, sondern indem er eine „Welle aus Verzerrung“ entlädt und so ihre Resonanzfrequenz stört. Der Protagonist in Schwarzwald stellt sich den biomechanischen „Ordnern“, indem er nicht kämpft, sondern durch die Nennung des Namens seiner Schwester – „Autorisierung durch Architektin Lisann M.!“ – einen Protokollkonflikt im System auslöst. Die „Resonatoren“ aus Necronomadica wiederum überleben, indem sie ihren Geist zu einer „Stimmgabel“ machen, um die Schwingungen verlorener Geschichten zu lesen. Physische Stärke ist irrelevant, wenn die Realität selbst zu einem Signal geworden ist und das Überleben nicht mehr vom Kampf, sondern von der Kalibrierung abhängt. In Strassers Universen hat die Realität aufgehört, eine Sammlung von Objekten zu sein und ist zu einem neuen Medium geworden, einer Sendung auf einer bizarren Wellenlänge. Überleben ist damit keine Frage der Macht mehr, sondern eine der Wahrnehmung – die Fähigkeit, zum Empfänger zu werden und sich auf die neue, verstörende Frequenz der Welt einzustimmen.

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Abschluss: Was bleibt, wenn die Welt still wird?
Alexander Strassers Apokalypsen sind so zutiefst beunruhigend, weil sie uns nicht das Ende allen Lebens zeigen, sondern die Geburt von etwas Fremdem, das aus den Ruinen unserer vertrauten Welt entsteht. Sie zwingen uns, die unbequeme Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Menschheit keine Endstufe der Evolution ist, sondern lediglich eine Übergangsphase zu etwas Fremdartigerem. Das Grauen liegt nicht im Tod, sondern in der unaufhaltsamen Verwandlung in etwas, das wir nicht mehr verstehen.

Strassers Werk ist somit nicht nur eine Warnung, sondern ein beunruhigendes Gedankenexperiment, das eine letzte, provokante Frage an den Leser richtet: Wenn die Regeln unserer Realität neu geschrieben würden, welche Teile unserer Menschlichkeit wären wir bereit aufzugeben, um auf der neuen Frequenz zu senden?