Necronomadica heißt es treffend: „Der Tod dieser Welt ist leiser, seltsamer und weitaus persönlicher.“ Strassers Universen sind Orte, an denen die Gesetze der Physik und der Biologie verhandelbar werden und die größte Bedrohung nicht die Auslöschung ist, sondern eine unbegreifliche, post-humane Metamorphose.Die 4 zentralen Thesen
1. Die Apokalypse ist kein Feuerwerk, sondern ein seltsames Fieber.
Die letzte Geometrie die Welt in eine kalte, computationale Architektur, in der Menschen zu „tragenden Elementen“ von Gebäuden erstarren und die neue Ordnung nach der „Optimierung der Struktur“ strebt. Im Gegensatz dazu offenbart sich in Sanctuary eine groteske, biologische Ordnung: Die sterbende Stadt, erfüllt von einem „elektrischen Tinnitus-Fiepen“, wird zu einem Organismus, der seine letzten Bewohner aktiv „verdaut“. In Necronomadica wird dieser Prozess der Umwandlung explizit formuliert, als eine Welt, die sich „in etwas Neues. Etwas Seltsames. Etwas vielleicht sogar Schönes“ verwandelt. Strassers Apokalypsen sind somit keine Zerstörungsakte, sondern Akte einer feindlichen Schöpfung, die die Grundfesten der Physik durch neue, unvereinbare Paradigmen ersetzt.2. Der Mensch ist keine Konstante, sondern eine veränderliche Variable.
Die letzte Geometrie erlebt dies am eigenen Leib: Sein Körper versteinert teilweise, und er muss lernen, seine neue, anorganische Form als Werkzeug und Waffe einzusetzen, indem er sogar Batterien isst, um seine Energie zu kanalisieren. In Necronomadica entsteht die Hypothese, dass die Seelen der „Verblassten“ in die Körper von Tieren geflohen sind und die Wälder nun „voller Flüchtlinge“ sind. Eine andere Figur aus demselben Buch existiert nur, solange sie von einer anderen Person wahrgenommen wird; ist sie allein, beginnt sie physisch zu verblassen. Die Menschlichkeit wird zu einer Eigenschaft, die paradoxerweise erst verleugnet werden muss, um sie in ihrem Kern bewahren zu können. Diese Neudefinition von Subjektivität zeigt, dass in Strassers Welten das größte Grauen nicht die Auslöschung ist, sondern die erzwungene Anpassung an eine Realität, in der der menschliche Körper nur noch eine weitere modifizierbare Hardware ist.3. Erinnerung ist kein Gedanke, sondern ein greifbarer Ort.
Necronomadica: In einer Bibliothek haben die Geschichten ihre physischen Bücher verlassen und existieren nun als Frequenzen in der Luft, die von sensiblen „Resonatoren“ gefühlt werden können. An anderer Stelle werden die Echos von Träumen zu „Traumstaub“, einer greifbaren Substanz, die von „Sammlern“ gejagt und gehandelt wird. In Sanctuary wird diese Idee zur existenziellen Bedrohung: Eine Aufzeichnung aus einem U-Bahn-Waggon enthüllt die Vision einer Stadt, die ihre Bewohner und deren Erinnerungen buchstäblich verdaut. Indem Strasser das Innere – Erinnerungen und Träume – nach außen kehrt und zu einer formbaren, physischen Kraft macht, schafft er die Voraussetzung für die Umgestaltung von Realität und Mensch, die seine Werke definieren. Die Psyche wird somit zur Topografie, und das Schlachtfeld der Apokalypse verlagert sich vom Physischen in eine Sphäre, in der das eigene Bewusstsein zur Waffe und zur Ware wird.4. Überleben ist keine Frage der Stärke, sondern der richtigen Frequenz.
Die letzte Geometrie besiegt der versteinerte Arne seine Feinde nicht durch pure Kraft, sondern indem er eine „Welle aus Verzerrung“ entlädt und so ihre Resonanzfrequenz stört. Der Protagonist in Schwarzwald stellt sich den biomechanischen „Ordnern“, indem er nicht kämpft, sondern durch die Nennung des Namens seiner Schwester – „Autorisierung durch Architektin Lisann M.!“ – einen Protokollkonflikt im System auslöst. Die „Resonatoren“ aus Necronomadica wiederum überleben, indem sie ihren Geist zu einer „Stimmgabel“ machen, um die Schwingungen verlorener Geschichten zu lesen. Physische Stärke ist irrelevant, wenn die Realität selbst zu einem Signal geworden ist und das Überleben nicht mehr vom Kampf, sondern von der Kalibrierung abhängt. In Strassers Universen hat die Realität aufgehört, eine Sammlung von Objekten zu sein und ist zu einem neuen Medium geworden, einer Sendung auf einer bizarren Wellenlänge. Überleben ist damit keine Frage der Macht mehr, sondern eine der Wahrnehmung – die Fähigkeit, zum Empfänger zu werden und sich auf die neue, verstörende Frequenz der Welt einzustimmen.——————————————————————————–
